„Müssen das Rad zurückdrehen“

Prof. Karl Auerswald zeigt Maßnahmen für Hochwasser- und Dürreprävention auf

Projekt: Bioackerbau , Gemeinsame Projekte in der ökologischen und konventionellen Landwirtschaft , Öffentlichkeitsarbeit

„Die Erosivität des Regens hat sich seit den 60er Jahren mehr als verdoppelt und steigt besorgniserregend an“, mahnt Wissenschaftler Prof. Karl Auerswald (vorn rechts im Bild)

„Die Erosivität des Regens hat sich seit den 60er Jahren mehr als verdoppelt und steigt besorgniserregend an“, mahnt Wissenschaftler Prof. Karl Auerswald (vorn rechts im Bild)
© Red.

Weibhausen. Wenn man als Fisch in der Badewanne schwimme, dann sei es keine gute Idee, den Stöpsel herauszuziehen und das Abflussloch stetig zu vergrößern. In genau diese Situation habe man sich aber in den bayerischen Gemeinden gebracht, weil seit Jahrzehnten Wasser immer effizienter aus der Landschaft gezogen werde, Abflüsse beschleunigt, Boden großflächig versiegelt und verdichtet und damit klimatische Veränderungen ausgelöst würden, die jetzt schon gewaltige Probleme bereiteten.

„Die wachsenden Extremereignisse wie Dürreperioden, Starkregen und lang gleichbleibende Wetterperioden haben wir bis jetzt nur zum kleineren Teil dem Klimawandel zu verdanken, auch wenn die Folgen des Klimawandels künftig immer stärker werden“, das ist die Erkenntnis von Karl Auerswald, emeritierter Professor am Lehrstuhl für Grünlandlehre der TU München. Auf Einladung des Agrarbündnisses Traunstein-Berchtesgadener Land und der Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel zeigte der Wissenschaftler, der sich mit Forschungen zum Landschaftswasserhaushalt profiliert hat, land- und forstwirtschaftliche Maßnahmen für die Hochwasser- und Dürreprävention auf. „Spätestens ab 2050 werden uns die Folgen des Klimawandels dahingehend treffen, dass die Niederschläge in Bayern deutlich zurückgehen“, so Auerswald.

Dass schon heute immer weniger Wasser für die Grundwasserneubildung zur Verfügung steht und es immer öfters Dürreperioden gibt, das liegt nach seinen Ergebnissen erst zum kleineren Teil am Klimawandel, „denn eigentlich müsste es, wenn es wärmer wird, bei uns eher mehr als weniger regnen“. Die Prognosen sagen in nächster Zeit bei uns nur leichte Rückgänge beim Niederschlag voraus; was sich stark ändert, ist aber die Verteilung – und das hat Folgen.

Wenn das verfügbare Regenwasser im Boden gut aufgenommen und gespeichert werden kann, dann steht es als Vorrat für Trockenphasen zur Verfügung. Wenn der Unterboden nicht verdichtet wird, belebt und durch Regenwürmer offenporig bleibt, dann kann er wie ein Schwamm Starkregenereignisse abpuffern und über die Verdunstung zur Regenbildung beitragen. Nur wenn der „Zwischenabfluss“, also der Wasserstrom im Untergrund, nicht ständig unterbrochen wird, wie z.B. durch Forststraßen und Rückegassen, wird der Gebirgswald auch in Trockenzeiten noch ausreichend über die Baumwurzeln versorgt. Bei all diesen Faktoren haben wir für eine Verschlechterung gesorgt. Die sogenannte „Erosivität des Regens“, also die Frage, wieviel schädlichen Abfluss und Bodenabtrag der Regen auslöst, hat sich seit den 60-Jahren mehr als verdoppelt und steigt besorgniserregend an, erläuterte Auerswald. „Wenn Regen nicht mehr gut in der Landschaft aufgefangen und gespeichert wird, dann führt der Klimawandel zu mehr Hochwasser bei Regen und zu mehr Dürreereignissen bei Trockenheit“.

„Das Ahrtal ist überall“

„Das Ahrtal ist überall, auch wenn es die Besonderheit eines engen Flusstales aufweist“, mahnte Auerswald und untermauerte dies mit Datenauswertungen. Also was tun?, wollten die aufgerüttelten Teilnehmer wie Georg Planthaler und Gertraud Gafus wissen.

„Wir müssen das Rad beim Wasserhaushalt zurückdrehen! Unsere Landschaftsstruktur und Landnutzung, ob in den Gemeinden, auf landwirtschaftlich genutzten Flächen oder im Forst, ist seit Jahrzehnten auf Effizienzsteigerung getrimmt worden“, so Auerswald. „Aber je effizienter unsere Landnutzung geworden ist, desto weniger resilient – also krisenfest - ist sie“. Ein Irrtum also zu glauben, nicht produktive Flächen seien „für nichts gut“! Ein Beispiel dafür sei der gemeindliche Straßen- und Wegebau, der häufig ausgerechnet in die früheren Abflussmulden für Wasser gebaut wurde – ermöglicht durch eine Richtlinienänderung zum Straßenbau, die einen begleitenden Abflusskanal vorschrieb, „sonst hätten die Wege gar nicht gehalten“.

Ein weiteres Beispiel sind die in feuchteren Lagen flächendeckend eingesetzten Drainagen, die das Wasser ungebremst weiterleiten anstatt im Grünland zu speichern. „Wir dürfen die Drainagen jetzt nicht verteufeln und ihren Nutzen nicht übersehen“, gab an dieser Stelle Leonhard Strasser als Veranstalter vom Agrarbündnis zu bedenken. Hans Praxenthaler, Landwirt aus Fridolfing, erklärte, wie schlecht viele Flächen in seiner Kindheit ohne Drainagen zu bewirtschaften waren. „Allerdings beobachte ich inzwischen, wie lang es bei vielen Drainagen dauert, bis sie nach Regen Wasser führen“, so der Biolandwirt. Das Schlimme sei die gründliche Effizienz, betonte Auerswald, mit der wir in Deutschland fast alle Brach- und sonstigen Pufferflächen wie feuchte Senken, Flussauen und Moore bereits trockengelegt und entwässert hätten. „Ohne ein Mosaik an natürlichen kleinen und größeren Wasserspeichern haben wir nicht die Fähigkeit, für Starkregen ausreichend vorzusorgen“. Deshalb sei er auch ein Fan der „boden:ständig“-Maßnahmen, die u.a. mit dem Bau von Becken den Wasserabfluss nach Starkregen bremsen. Auch über eine offizielle Landwirtschaftsberatung, die sich für das Thema engagiere, sei einiges zu erreichen, wenn dies gewollt sei.

Bodenausträge minimieren

Landwirt Leitenbacher Senior aus Petting, der die Rückhaltebecken selbst mit angelegt hat, hätte sich ein breiteres Einzugsgebiet, also den Anschluss von mehr Drainage-Sammelstellen als z.B. in Ebing, für eine größere Wirkung der Rückhaltemaßnahmen gewünscht. „Der Bau von Becken als technische Lösung steht erst am Ende mehrerer Überlegungen für eine sinnvolle Bewirtschaftung der Flächen, um Austräge zu minimieren“, erläuterte Georg Hermannsdorfer, ehemals am Wasserwirtschaftsamt tätig, der sich als Nachfolger von Franz Knogler jetzt im boden:ständig-Projekt einbringt.

Breiten Raum nahm in der Diskussion das Thema Bodenverdichtung ein. „Die Spuren des großen Trecks an Landsiedlern, die in Amerika mit ihren Planwagen von Ost nach West zogen, sind heute noch zu sehen“, illustrierte der Professor die Tatsache, dass eine tiefergehende Bodenverdichtung Jahrhunderte braucht, um wieder aufgelöst zu werden. „Wie sollen wir jungen Landwirten klar machen, dass ein Fahrzeug über 40 Tonnen, das auf der Straße nicht ohne Zusatzachse eingesetzt werden darf, auf dem Feld nichts verloren hat?“, stellte Georg Planthaler die Frage in den Raum.

„Wir wünschen uns mehr Lösungsvorschläge, wie wir mit der niederschmetternden Diagnose des zerstörten Wasserhaushalts in der Landschaft jetzt umgehen sollen“, meinten Gemeinderätin Christine Rehrl aus Waging und Landwirt Hans Glück aus Tittmoning. „Auf dem Versuchsgut Scheyern habe ich versucht zu zeigen, wie solche konkreten Lösungsverschläge ausschauen können“, bemerkte Auerswald. „Denn jeder glaubt ja, bei sich selbst könne er nicht anfangen“.

Neben seinem Plädoyer für genügend Feuchtflächen brach er eine Lanze für die Pflanzung von Hecken – aber nicht nur aus Biodiversitätsgründen, sondern weil sie tatsächlich zu einem besseren Wasserhaushalt und damit zu Mehrertrag auf der bewirtschafteten Fläche führen. „Es war ein großes Missverständnis in der Landwirtschaft, zu meinen, die Hecken mindern den Ertrag – sie mindern den Ertrag unmittelbar daneben, aber in der Gesamtheit der Fläche erhöhen sie den Ertrag sogar deutlich“, meinte Auerswald und hatte dazu Studien parat. Auch für sonstige Agroforstkulturen trifft das zu. Ein Grund dafür liegt im geänderten Kleinklima, das den Ertragszuwachs begünstigt. Erstaunlicherweise sei ein ähnlicher Effekt auch durch streifenförmig angelegte senkrecht stehende Solarpanele auf dem Grünland möglich.

„Es wäre sehr wichtig, dass bei unseren Gemeinden ankommt, dass die Entwässerungsstrategien wie bisher so nicht mehr so fortgeführt werden können“, brachte Gemeinderat Georg Huber aus Waging vor. Dass dafür noch sehr dicke Bretter zu bohren sind, darüber waren sich die Teilnehmer einig. „Wir werden uns eine Anschlussveranstaltung oder Exkursion überlegen“, schlug Marlene Berger-Stöckl von der Ökomodellregion abschließend vor und bedankte sich für die rege Beteiligung an der Diskussion.

13.08.2022 Südostbayerische Rundschau, Autor: Redaktion (Pressebericht der Ökomodellregion).

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02.09.2022

Region: Waginger See - Rupertiwinkel