Naus geht`s!

Frühjahrsaustrieb der Rinder

Projekt: MehrWertSchöpfung durch Fleischgenuss aus Weidehaltung

Die jungen Kälber sind erst seit dem Frühjahr auf der Welt und sehen die Weide zum ersten Mal. Ihr Mütter passen gut auf sie auf und geben ihnen Orientierung.

Die jungen Kälber sind erst seit dem Frühjahr auf der Welt und sehen die Weide zum ersten Mal. Ihr Mütter passen gut auf sie auf und geben ihnen Orientierung.
© Martin Kohl

Zwischen Mitte April und Mitte Mai lassen viele Bauern ihre Rinder zum ersten Mal wieder raus auf die Weide. Das ist immer ein besonderes Erlebnis für Tier und Mensch. Auch auf dem Jurahof. Hier sind auch die Kinder und Jugendlichen der Jurahof-Wohngruppe begeistert mit dabei und helfen, wo sie können.

Eigentlich sollte Jutta vorangehen. Mit ihren langen, geschwungenen Hörnern strahlt sie eine gewisse Autorität aus. „Die ist 19 Jahre alt, meine älteste Kuh.“ sagt Klaus Hofmann „Die soll jetzt noch einen schönen Sommer haben.“ Geduldig zuredend versucht der Bauer gemeinsam mit seinen Helfern die Leitkuh dazu zu bewegen in den Viehanhänger zu steigen. Währenddessen springen die Jungrinder freudig aufgeregt im Stall herum. Ob sie ahnen, dass es jetzt wieder raus auf die Weide geht? Jutta lässt sich weder locken noch schieben. Zur Hälfte steht sie schon im Anhänger, dann tritt sie wieder zurück. Schließlich lässt der Bauer den Jungrindern den Vortritt. Die kann er mit einer Portion Getreideschrot locken. Dann dauert es noch eine Weile bis auch Jutta endlich im Hänger steht. Der Transport kann beginnen. Vom Jurahof in Schmidtstadt geht es nun zur ersten Weide im „Bauerngarten“ bei Kirchenreinbach.

Erster Weidegang für Kälber
Anfang Mai hat Klaus Hofmann bereits die Mutterkühe mit den jungen Kälbern rausgebracht. „Das ist aufregend, weil die Kälber die Weide noch nicht kennen.“, erzählt er. „Wenn ich sie direkt vom Hänger auf die Weide lasse, kann es passieren, dass sie den Zaun umlaufen. Drum halten wir die Kälber während der ersten Minuten im stabilen Gatter zusammen. Da können sie sich umschauen und an den Ort gewöhnen, während die Mütter über die Weide springen.“ so Hofmann. Das Problem sei, dass die Kälber noch keinen Respekt vor dem Elektrozaun hätten. Mittlerweile spanne er vor dem ersten Weidegang auch im Stall einen Zaun auf, damit die Kälber Bekanntschaft mit dem Strom machen können. „Das mache ich sehr ungern, weil das ja Schmerzen sind, die die Kälber aushalten müssen. Aber wenn ich alle zwei Jahre hinter Kälbern und Müttern herrennen muss, die den Weidezaun umgerannt haben, dann ist das schmerzhaft für mich. Drum habe ich mich so entschieden.“, erklärt er. Früher hat Klaus Hofmann auch die Jungbullen auf die Weide gebracht. Er hat jedoch wiederholt die Erfahrung gemacht, dass die Bullen den Zaun nicht beachten bei ihren Rangkämpfen und ihn dann leicht umreißen. Das ist ihm zu riskant. Wer bedenkt, was alles passieren kann, wenn eine Rinderherde ausbricht, dem wird klar, welche Risiken der Bauer mit dem Weidegang eingeht.

Rinder auf der Weide brauchen viel Aufmerksamkeit
Die Weidehaltung, wie sie Klaus Hofmann praktiziert, ist mit viel Aufwand verbunden und muss gut vorbereitet und begleitet werden. Bevor die Tiere rauskönnen, muss er die Flächen einzäunen: Pfähle stecken, Drähte ziehen, den Zaun freimähen, nochmal kontrollieren und dann die Elektro-Spannung messen. Die muss laut Vorschrift überall mindestes 2.000 Volt betragen. Sind die Tiere dann auf der Weide, schaut er täglich ein- bis zweimal nach dem Rechten: Sind die Tiere gesund und fit? Ist die Wasserstelle sauber? Reicht die Elektrospannung noch aus? Wenn sie abfällt, muss die Ursache gesucht und behoben werden. All das trägt Hofmann in sein Weidetagebuch ein. 22 Mutterkühe hält der Bio-Bauer. Zusammen mit ihren Nachkommen bilden diese eine Herde von 60-70 Tieren. Damit bewirtschaftet Hofmann ca. 30 ha Weiden und 30 ha Heuwiesen. Weil es auch heuer nur wenig geregnet hat, ist der Grasaufwuchs auf vielen Flächen so gering, dass sich die Mahd gar nicht lohnt. Nur die Talwiesen bringen noch einen guten Ertrag.
Auf der Weide im „Bauerngarten“ blühen jetzt die Margeriten. Leitkuh Jutta tritt als erste aus dem Viehanhänger und schaut sich wachsam um. Dann stürmen die Jungrinder los. Mit hoch erhobenem Schwanz galoppieren sie über die Weide. Die Helfer vom Jurahof stehen am Weiderand und passen auf, dass kein Rind den Zaun umläuft. Klaus Hofmann holt derweil die restlichen Tiere vom Hof zur Weide. Schließlich schauen alle den ausgelassenen Tieren zu, die nun jeden Winkel der Weide erkunden. „Hier werde ich bald Kleegras zufüttern müssen.“ meint Hofmann. „Das Gras wächst hier nur auf einer dünnen Humusschicht. Darunter liegt der Kalkfelsen. Der Aufwuchs ernährt die Rinder maximal zwei Wochen.“ Drei Wochen später treibt er die Herde zur nächsten Weide. So geht es weiter von Weide zu Weide bis in den Herbst.

Mutterkuhhaltung und Hofmetzgerei
Im Stall am Jurahof leben jetzt nur noch eine Kuh mit frischgeborenem Kalb, und die Tiere, die in den nächsten Wochen geschlachtet werden: zwei junge Kühe und die Jungbullen. In der Regel werden diese mit ca. 20 Monaten geschlachtet. Die Mutterkühe bleiben in der Herde, solange sie bei guter Gesundheit sind und gesunde Kälber zur Welt bringen. In der Regel werden sie auf dem Jurahof bis zu 12 Jahre alt. Dann werden auch sie geschlachtet. Das ist der Sinn der Mutterkuhhaltung: die Erzeugung von hochwertigem Rindfleisch. Auch das macht Klaus Hofmann als Metzger-Meister seit mehr als 25 Jahren selbst.
Nur von Jutta konnte er sich bisher nicht trennen. Sie ist eine Salers-Kuh mit tief rotbraunem Fell. Diese alte französische Milchrasse wird heute auch zur Fleischerzeugung gehalten. „Die Jutta hat dem Hof so viele gesunde Kälber geschenkt und ist einfach eine schöne, stolze Kuh. Die ist mir ans Herz gewachsen.“ Mit ihrer Erfahrung sei sie immer noch eine sehr wertvolle Kuh für die Harmonie in der Herde und gerade auf der Weide sei das wichtig, erklärt Klaus Hofmann.

INFO
Die Bio-Metzgerei Jurahof hat Klaus Hofmann heuer an Metzgermeister Dennis Marx übergeben. Hofmann schlachtet nur noch seine eigenen Tiere selbst und vermarktet deren Fleisch als Mischpaket oder Salami. Seit der Corona-Krise ist die Nachfrage so hoch, dass Klaus Hofmann seine Kunden gerne auch an andere Mutterkuhhalter verweist. Von Juni bis September schlachtet er keine Tiere. Auf der Internetseite der Öko-Modellregion findet man eine Liste aller Bio-Direktvermarkter in der Region mit den Kontaktdaten weiterer Rinderhalter.

Barbara Ströll.

18.05.2020

Region: Amberg-Sulzbach und Stadt Amberg