Zum Inhalt springen

„Kreative Pioniere“ oder „Existenzminimalisten“ gesucht

Die Inhaberin des Naturkostladens am Stadtplatz Tittmoning hört nach fast fünf Jahren auf – Nachfolger bisher nicht gefunden

Projekt: Öffentlichkeitsarbeit
Eine Kundin verlässt lächelnd den Bioladen
Eine Kundin verlässt lächelnd den Bioladen, der in Tittmoning seit Jahrzehnten zum Bild des Stadtplatzes gehört.
© Gerda Poschmann-Reichenau

Auf rund 90 m² werden hier vor allem Lebensmittel aus biologischem Anbau angeboten, seitdem Hilde Goetz und Gabi Böhm Anfang der achtziger Jahre den ehemaligen Kramerladen („Kolonialwarenhandlung“) von Theresie Waritschlager im damals frisch sanierten historischen Gebäude als „Naturkostladen“, wie es heute noch auf der Fassade steht, eröffnet haben. Die Stammkundschaft hat sich im Laufe der Jahrzehnte stetig entwickelt und auch die mehrfachen Pächter- und Namenswechsel  - von „LaVita Naturkost“ unter Sigi Butschek bis zum „Biomarkt Tittmoning“ von Matthias Auth - mitgemacht. Die in Bayern aufgewachsene 36jährige Kristina Waal, die seit ihrer Hochzeit im vergangenen Frühling Wolf heißt, führt den kleinen, sympathischen Laden mit den hellblau gestrichenen Tür- und Fensterrahmen seit August 2021 unter dem Namen „BIO Himbeere“.

Wer vom Gehsteig die wenigen Stufen ins Ladenlokal hinuntersteigt, findet in den Regalen Grundnahrungsmittel, aber auch Genussmittel wie Kaffee, Tee und Süßwaren, alles in Bio-Qualität, vieles aus Fairem Handel. An der Theke gibt’s frisches Vollkornbrot und Gebäck, in der Vitrine Käse zum Beispiel aus der Ettenau, im hinteren Ladenteil Drogerieartikel. Durch einen kleinen Gang geht es in einen zweiten Raum mit Obst und Gemüse aus biologischem Anbau, zumeist aus der Region, und Getränken. Der Bioladen am Stadtplatz ist neben dem Bauern- und Wochenmarkt und den örtlichen Hofläden eine feste Anlaufstelle für alle in Tittmoning, die biologisch und möglichst regional einkaufen möchten.

Seit der Schließung des Penny-Marktes und dem Wegzug der EDEKA-Filiale vor die Tore der Stadt ist der Bio-Vollsortimenter neben Metzgerei, Bäcker, Käseladen und – im Sommer – dem Bauernmarkt für die Bewohner von Altstadt und nördlicher Siedlung die letzte Möglichkeit, Lebensmittel und Drogerieartikel in unmittelbarer Nähe einzukaufen. Das nutzen auch Menschen, die sonst nicht aufs Bio-Label achten. Andererseits stellen die Großmärkte und Discounter draußen vor der Stadt mit immer mehr als „Bio“ deklarierten Produkten eine zunehmende Konkurrenz für den traditionellen Naturkostladen dar.

Gründe für Schließung sind vielfältig

Kristina Wolf wird nun nach fast fünf Jahren den Bioladen schweren Herzens schließen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Nicht zuletzt bietet der Laden in ihren Augen nicht die nötige wirtschaftliche Perspektive für eine junge Familie.

Die gelernte Einzelhandelskauffrau hat schon in vielen inhabergeführten Bioläden von Bad Aibling bis Regensburg gearbeitet. Auch in Matthias Auths Biomarkt war sie angestellt, ehe sie das Geschäft übernahm. „So einen Laden selbst zu führen, ist natürlich etwas ganz anderes", so Wolf. Ihre Zukunft sieht sie anderswo, auf die Jahre mit der „BIO Himbeere“ möchte sie aber nicht verzichten: „Ich habe viel gelernt und viele liebe Menschen kennengelernt. Einige meiner Ideen konnte ich umsetzen, andere leider nicht.“

Und wie geht’s weiter? Aktuell versuchen Pächterin und Hauseigentümer, Nachfolger zu finden, die den Laden weiterführen. Da die Geschäftsräume baulich mit der darüber liegenden sanierten Altbauwohnung verbunden sind, wird diese bevorzugt an die Ladenbetreiber vermietet. Dem Hauseigentümer Petrus Weißmüller wäre daran gelegen, dass es im Erdgeschoß weiterhin einen Bioladen gibt. Vielleicht hilft ja die Möglichkeit, Arbeiten und Wohnen am gleichen Ort zu verbinden, einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu finden.

Gesucht werden „ein bis zwei Existenzminimalisten oder kreative Pioniere“, wie es in dem Facebook-Beitrag heißt. Leicht wird es möglicherweise auch für die Nachfolger nicht werden. Aber die Stammkundschaft, die sich hier zum Teil seit Jahrzehnten mit gesunden Lebensmitteln versorgt, hofft inbrünstig, dass sich ein neuer Pächter oder eine neue Pächterin findet: „Das ist der letzte Vollsortimenter innerhalb der Stadtmauern“, „Sehr schade - wir kaufen hier ein, seit ich denken kann“ und „Ein Bioladen, in dem es auch zahlreiche Produkte aus Fairem Handel gibt, steht der Fairtrade-Stadt Tittmoning gut zu Gesicht“ sind nur einige der Stimmen, die man vor dem Bioladen hört, wo die Kunden sich an einem Samstagvormittag die Türklinke in die Hand geben.

Interessenten können sich im Bioladen unter bio.himbeere@posteo.de melden.

Artikel von Gerda Poschmann, Südostbayerische Rundschau vom 17.02.2026

Nächste Nachricht