Alles richtig gemacht

Bio in Serie - Hans Englschallinger aus Kay bewirtschaftet ökologischen und nachhaltigen Bio-Weidebetrieb

Projekt: Bioackerbau , Biomilch , Öffentlichkeitsarbeit

55 Milchkühe grasen auf der Weide. Gerade wurden sie von Vitus (von links), Hans, Eva und Juliane Englschallinger auf die Weide getrieben. Die Kinder helfen ihrem Papa gern bei der Arbeit und können sogar alle Kühe namentlich benennen.

55 Milchkühe grasen auf der Weide. Gerade wurden sie von Vitus (von links), Hans, Eva und Juliane Englschallinger auf die Weide getrieben. Die Kinder helfen ihrem Papa gern bei der Arbeit und können sogar alle Kühe namentlich benennen.
© Dorothee Englschallinger

Wenn Biobauer Hans Englschallinger auf dem Feld Insekten schwirren sieht, Schwalben auf der Weide beobachtet, wie sie Baumaterial für ein Nest finden, fühlt er sich bestätigt: Mit der Umstellung seines konventionellen Milchviehbetriebes auf Bio vor nun sechs Jahren hat er „alles richtig gemacht.“

Der Familienvater sitzt mit seiner Frau Dorothee, den Töchtern Eva (10), Juliane (8) und Vitus (4) am Küchentisch und erzählt. Die ökologische Bearbeitung seiner Flächen bereichere das Bodenleben und fördere die Biodiversität. Die Weidetierhaltung sei ganz im Sinne des Tierwohls. „Boden, Pflanze, Tier und Mensch geht es gut“, stellt er fest.

Kein Kunstdünger oder andere Chemie

Hans Englschallinger setzt seit der Umstellung 2015 nicht länger auf Kunstdünger oder chemische Pflanzenschutzmittel – davon habe er ohnehin Ausschlag bekommen, sagt er. Wozu auch? Der Boden ist gesund, dank durchdachter Fruchtfolge auf dem Acker, Untersaat und betriebseigener Gülle als Dünger. „Er riecht aromatisch, nach Karotten“, findet Englschallinger.

Auf dem Grünland gehen Rot- und Weißklee auf, Löwenzahn, Schmetterlingsblütler wie Wicken und Esparsetten. „Eine natürliche Bienenweide! Und ich sehe auch Kräuter wachsen“, fährt er fort. Spitzwegerich, Kälberkropf und Schafgarbe mischen sich unter das Gras.

Auch der Mais auf dem Acker gedeiht wie er soll, so gut, dass der Bio-Landwirt den Vergleich nicht scheut: „Mein nicht-gespritzter Mais kann mit dem chemisch bearbeiteten Mais meiner konventionellen Kollegen mithalten“, sagt er. Er ist mehr als zufrieden mit der 80-prozentigen Ertragsfähigkeit seines Maisanbaus.

Den Silomais verfüttert er ergänzend an die 55 Milchkühe, die vorwiegend Gras oder Grassilage fressen – hie und da ökologisch und regional erzeugtes Kraftfutter aus Körnermais, Triticale und Erbsen fressen. Die Futterpraxis in der Bio-Landwirtschaft verbessere nicht nur die Ökobilanz, indem sie Kraftfutter wie Raps- und Sojaschrot aus teils anderen Kontinenten überflüssig macht: „Das Gras, das die Kuh auf der Weide frisst oder als Silage bekommt, enthält deutlich mehr Mineral- und Geschmacksstoffe“, weiß Hans Englschallinger.
Seit es für das Vieh Bio-Kost gibt, komme es auch zu weniger Krankheiten, die Tiere seien generell vitaler.

Einsatz für Berufskollegen

Der Landwirt führt das auch darauf zurück, dass die Kuh ein schlechter Kraftfutterverwerter ist. Vorher habe sein konventionell gehaltenes Vieh ein Mehrfaches davon zu fressen bekommen. „Da hat schlicht und ergreifend auch der vom Weltmarkt bestimmte Milchpreis eine tragende Rolle gespielt.“ Als Nicht-Öko-Bauer sei er auf eine billige Futterration angewiesen gewesen. Er habe auf eine hohe Milchleistung der Kuh gesetzt, die ihm letztlich das Geld gebracht habe.

Als Jugendlicher hat Hans Englschallinger den Aussiedlerhof seiner Eltern konventionell mitbewirtschaftet. So wurde es ihm in der Ausbildung gelernt und so hat er es auch 16 Jahre nach Übernahme des Hofs weiter praktiziert.

„Irgendwann war ich es leid, das Vieh Milch produzieren zu lassen, die zu 20 Prozent am Weltmarkt verramscht wird und zu 40 Prozent als Sonderangebot im Supermarkt über den Ladentisch geht“, erklärt er. Das Überangebot der konventionell erzeugten Milch sorge zudem dafür, dass die Molkereien die Wertschätzung gegenüber den Bauern verlören: „Das hat mir gestunken.“ Ein Milchviehhalter übe einen der härtesten Berufe im Land aus. „Und wird als Nicht-Bio-Bauer nicht einmal gescheit dafür entlohnt“, fügt er hinzu. Er sei froh, die Bio-Milch nun an die Milchwerke Berchtesgadener Land Chiemgau liefern zu dürfen, genieße die Wertschätzung der Molkerei. Für seine Berufskollegen setzt sich Hans Englschallinger weiterhin als Vorsitzender im Verband für landwirtschaftliche Fachbildung ein.

Schon seit 2009 hat Hans Englschallinger das Vieh auf der Weide gehalten. „Der Schritt zur Ökotierhaltung ist damit nicht weit gewesen“, sagt er. Seine Frau Dorothee und nicht zuletzt die Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel habe ihm den letzten Schubs hin zur Umstellung gegeben. „Im Prozess selbst ist mir die Ökomodellregion eine große Stütze gewesen.“ Noch immer sei er froh, mit der Organisation zusammenzuarbeiten. „Marlene Berger-Stöckl als treibende Kraft bringt viel ins Rollen“, findet er lobende Worte. Englschallinger selbst engagiert sich ehrenamtlich im beratenden Kernteam der Ökomodellregion, in dem sich Landwirte und Fachleute aus der Region jährlich zu den gemeinsamen Projekten und Vorhaben austauschen.

Schon gewusst?

Eine gute Bodenfruchtbarkeit erreicht der Bio-Landwirt durch Leguminosen in der Fruchtfolge: Auf eine Frucht (wie Kleegras), die den Boden mit natürlichem Stickstoff aus der Luft anreichert, folgt eine Frucht (wie Mais), die auf eine hohe Stickstoffzufuhr aus dem Boden angewiesen ist.
Eine Milchkuh auf einem Bio-Hof frisst hauptsächlich Gras oder Grassilage, ansonsten ökologisch und regional erzeugtes Kraftfutter wie Mais mit Getreide. Damit frisst eine ökologisch gehaltene Milchkuh im Schnitt nur etwa halb so viel Kraftfutter wie eine konventionell gehaltene Milchkuh.
Eine durchschnittliche Milchkuh gibt circa 7.000 Liter Milch im Jahr, eine Kuh, deren Futter einen sehr hohen Kraftfutteranteil enthält, bis zu 9.000 Liter Milch im Jahr.
50 Cent (Festpreis) zahlt die Molkerei dem ökologisch wirtschaftenden Landwirt für einen Liter Bio-Milch, etwa 33 Cent zahlt sie dem konventionell wirtschaftenden Landwirt für einen Liter (konventionell erzeugte) Milch ohne Zuschläge.
Hinter der ökologisch erzeugten Milch steht eine geringere Milchleistung der Kuh und insgesamt ein höherer Arbeitsaufwand für den Landwirt; viele Umweltleistungen sind jedoch eingepreist.

Artikel von Lisa Schuhegger, Südostbayerische Rundschau vom 11.03.2021

Ein Artikel aus der Reihe „Bio in Serie“ der Südostbayerischen Rundschau 2020:

30 Prozent Biolandbau - das ist seit 2019 ein gesetzlich festgelegtes Ziel der Bayerischen Staatsregierung. Die 27 Ökomodellregionen auf einem Viertel der bayerischen Gemeindefläche sind dafür ein wichtiges Instrument. In loser Folge stellen wir Betriebe aus der Ökomodellregion Waginger See – Rupertiwinkel vor, die sich bereits auf den Weg gemacht haben und sich für eine besonders nachhaltige Wirtschaftsweise einsetzen. Die erste bayerische Modellregion zeichnet sich laut eigener Aussage durch vielfältige Netzwerke für mehr Bioanbau und -verarbeitung aus, verfolgt aber auch gemeinsame ökologische Projekte mit allen Landwirten und den Gemeinden.

16.03.2021

Region: Waginger See - Rupertiwinkel